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Wann ist ein Unkraut ein Unkraut?

UNkraut – Versuch einer systemtheoretischen Annäherung

Der Begriff Unkraut als Bezeichnung für Pflanzen ist eine seit langem in einigen Kreisen umstrittene und oft mit einiger Ideologie aufgeladene Bezeichnung.  Für andere ist es ein ganz normales Wort. Auch deshalb erschwert die unterschiedliche Nutzung des Begriffes die Diskussion zwischen verschiedenen mit dem Thema Unkraut befassten gesellschaftlichen Gruppen erheblich. Wie soll man sich auf eine differenzierte Bewertung und Behandlung einigen, wenn schon die Begriffsbenutzung unklar ist?

Genau diese differenzierte Bewertung und ein breiter Grundkonsens zwischen verschiedenen Gruppen wird aber immer notwendiger. Die Zahl der nutzbaren Herbizide sinkt und die Anwendungsvorschriften, besonders im bürgernahen städtischen Bereich, werden immer strenger – bis hin zum völligen Verbot chemischer Mittel.  Städte sind aufgrund der Kosten und der verfügbaren Techniken immer weniger in der Lage, bestimmte Gebiete komplett unkrautfrei zu halten. Stattdessen müssen sie ähnlich wie im integrierten Landbau Schadschwellen definieren, wie viel Unkraut in welchem Bereich von allen Nutzern zu tolerieren ist.  Gleichzeitig wächst der Einsatz von Totalherbiziden in der Landwirtschaft (noch) erheblich, was schon aufgrund der Breite der Anwendung die Nahrungskette vom Unkraut über Nektar/Samen und Insekt bis hin zu vielen Vogelarten erheblich schädigt.  Nicht umsonst zieht es Bienen zunehmend in die Stadt zur Futtersuche als in die freie, oft von Blühpflanzen befreite Landschaft.
Nur wer klare Begriffe hat, kann auch sinnvoll mit den damit bezeichneten Objekten umgehen. Deshalb folgt hier ein kurzer Versuch darzustellen, was letztlich definiert werden muss und auch was angemessene Begriffsvorschläge sein können. Die Begriffe sind aber letztlich – wie immer in der Sprache – eine Konvention, über die es eine gesellschaftliche Einigung geben muss. Der Inhalt oder Wesenskern der Begriffe existiert aber unabhängig davon, wie der Gegenstand letztlich genannt wird. In jedem Land, in dem es Apfelsinen gibt, gibt es auch irgendeine Bezeichnung dafür, egal wie sinnvoll (sind orange) oder historisch gewachsen (Äpfel aus China) sie ist.
Wie könnte man Pflanzen einteilen, bezogen auf den Grund, warum sie irgendwo wachsen? Grob gesagt, gibt es in den stark vom Menschen geprägten Gebieten zwei Arten von Pflanzen. Die einen hat der Mensch dort bewusst angepflanzt, die anderen haben sich dort selbst irgendwann einmal angesiedelt. Das kann nach der letzten Eiszeit geschehen sein oder letztes Jahr durch einen herangeflogenen Samen, der an einer gute Stelle zum Keimen zufällig gelandet ist und jetzt einfach dort wächst. Nennen wir die bewusst vom Menschen in einen bestimmten Bereich angesiedelten Pflanzen Kulturvegetation und alles andere Spontanvegetation. Über die Qualität und Sinnhaftigkeit der Kulturvegetation kann man im Sinne von Maissteppen, Golfrasen und Monokulturen diskutieren, das ist hier aber nicht das Thema.
Pflanzen aus weit entfernten Ökosystemen, die plötzlich auftauchen und sich stark ausbreiten und die bisherige natürliche Vegetation sehr schnell unterdrücken oder die Kulturvegetation bedrohen, nennt man invasive Pflanzen. Ob man diese generell oder erst ab einem bestimmten Befall als Unkraut ansehen muss, ist diskutierbar, aber auch nicht das Hauptthema.
Die Frage hier ist, wie man mit Spontanvegetation generell umgeht. Spontanvegetation wächst einfach irgendwo, wo es eine ausreichende ökologische Nische gibt. Sie kann aus einheimischen Arten, von weit her aus Versehen eingeschleppten wildlebenden Pflanzen (südafrikanisches Greiskraut als gelbes Blütenmeer im Spätherbst an Autobahnen) oder auch aus den Keimlingen von Nutzpflanzen bestehen, die sich aus welchen Gründen auch immer an eine andere Stelle verirrt haben als auf das Feld, auf dem sie der Bauer gezielt gesät hat. Rapspflanzen am Straßenrand in Städten können im Zweifelsfall aus dem Trägermaterial von nicht komplett abgebrannten chinesischer oder deutschen Feuerwerksraketen bestehen.
iegetation in naturnahen Bereichen, die in der Hauptsache „Natur“ als Funktion hat, ist sie selten ein Problem. Dort schützt sie vor Erosion und ist gemeinsam mit vielen anderen Organismen ein Teil des Lebensraumes. Die Zielkonflikte entstehen, wenn menschengemachte Biotope spontan besiedelt werden.
Unkraut an Straßenrändern

Deshalb zurück zum Unkraut. In der hier verwendeten Beschreibung ist nie eine bestimmte PflanzenART bezeichnet worden, sondern immer nur Pflanzen in einem bestimmten Kontext, was ganz wichtig ist. Keine Pflanze ist als solches Unkraut, es kommt immer nur auf den Kontext an, in dem sie wächst. So ist eine Kartoffelpflanze in einem Getreidefeld ganz sicher Unkraut, und das Futtergras in einem Kartoffelfeld ein Ungras, auch wenn dieser Begriff seltener gebraucht wird, aber fachlich korrekt ist. Wie im Deutschen üblich, bedeutet UN zumeist, dass etwas so ist, wie man es nicht haben möchte. Niemand möchte Unfälle aber ein Unfall bei der Verhütung, kann dann immer noch zu sehr netten Kindern führen, wenn man sich erstmal damit arrangiert hat. Die Frage des Arrangierens oder Tolerierens ist also extrem wichtig für die Wahrnehmung eines Sachverhaltes oder Vorganges. Eine bestimmte Pflanzenart grundsätzlich als Unkraut zu bezeichnen, ist also ganz sicher Unsinn. Eine Unkrautbürste und ein Unkrautvernichtungsmittel beschreiben aber genau das was sie sollen, nämlich an einem bestimmten Ort und in einem definierten Nutzungskontext unerwünschte Pflanzen mehr oder minder dauerhaft zu entfernen. „Unerwünscht“ hat eindeutig etwas mit Wünschen, Erwartungen und Anforderungen zu tun, vielleicht auch mit Toleranz. Es geht also letztlich darum, ob die Pflanze an einer bestimmten Stelle die gewünschte Funktion dieses Bereichs beeinträchtigt. Da wir im Zeitalter des integrierten Pflanzenschutzes und der schon im Grundgesetz verankerten Verhältnismäßigkeit leben, geht es letztlich immer um die Frage, ob die hier nicht absichtlich angesiedelte Pflanze – also die Spontanvegetation – den Bereich in seiner gewünschten Funktion „unangemessen“ beeinträchtigt. Für den jeweiligen Bereich muss also zuerst einmal ein gewünschter oder sachlich notwendiger Funktionsrahmen festgelegt werden. Zusätzlich braucht man dann noch eine Schwelle, ab der eine Beeinträchtigung nicht mehr akzeptabel ist. Wächst die Spontanvegetation auf einer Verkehrsinsel so hoch, dass man die Menschen kaum noch sieht, ist völlig klar, dass hier etwas getan werden muss. Wachsen auf dem Getreidefeld so viele Disteln, dass der Bauer nur noch die Hälfte erntet, ist auch klar, dass dies eine zu erhebliche Beeinträchtigung ist.

Wie immer in komplexen Industriegesellschaften mit vielfachen Vernetzungen muss aber über die Funktion und insbesondere die Schad- oder Beeinträchtigungsschwelle gesellschaftlich gerungen und oft für einen gewissen Zeitraum und für einen gewissen Bereich ein politisch funktionaler Konsens gefunden werden. Der kann (und muss) aber wie auch andere politische Rahmenbedingungen immer wieder neu ausgehandelt werden. Es wird also absolut nötig, diese Beeinträchtigungsschwellen für Spontanvegetation in jedem Bereich aktiv zu definieren und einer regelmäßigen Überprüfung zu unterziehen.  So legt schon jetzt die Gute Landwirtschaftliche Praxis oder auch die Richtlinien für den Biolandbau für viele Fälle fest, welche Schadschwellen erreicht sein müssen, bevor mit einem zusätzlichen Mittel in die Spontanvegetation eingegriffen werden darf. Das klappt im Schnitt ganz gut, läuft aber zurzeit anscheinend im Bereich der Totalherbizide auch aus systematischen Gründen aus dem Ruder. Diese Totalherbizide sind einfach zu effizient und vernichten jegliche Spontanvegetation im behandelten Bereich. Einfach die Konzentration im Spritzmittel etwas zu senken, damit ein bisschen Unkraut übrigbleibt, geht aber genauso wenig. Einfach etwas weniger wäre die absolut ungeeignete Lösung, da man dann herbizidresistente Unkräuter noch systematischer züchtet. Diese können dann kaum noch und wenn dann nur mit viel höheren Konzentrationen anderer Herbizide vielleicht noch bekämpft werden. Letztlich tötet hier ganz schlicht das Übermaß der Nutzung und nicht die Anwendung als solche. Damit hier ein Mindestmaß an naturnaher Umwelt gesichert wird, helfen also nur gänzlich unbehandelte und am besten hochwertig und langfristig für Vögel und Insekten verfügbare und gut verteilte Blüh-, Samen-, und Niststreifen. Noch besser sind natürlich technische Entwicklungen oder optimierte Bearbeitungsformen des Bodens, welche die Totalherbizide in definierten Anwendungsbereichen funktionell sinnvoll ersetzen können, ohne dafür an anderer Stellen größeren Schaden anzurichten, als die Totalherbizide es bisher getan haben. Die Diskussion mit der Landwirtschaft, der Pflanzenschutzindustrie und den Zulassungsbehörden ist hier noch lange nicht am Ende und wird sich erheblich weiter entwickeln müssen. Sicher ist jedoch, dass es mit den Landwirten eine professionell agierende Gruppe mit Fachwissen und klaren Zielen für diesen Bereich gibt. Da verdienen Menschen und Wirtschaftsunternehmen damit Geld, Nahrungsmittel zu gesellschaftsverträglichen Preisen zu erzeugen. Die Funktion des Feldes ist also unstrittig und über die Höhe der Schadschwelle und der einsetzten Bekämpfungsmethoden und Ausgleichsflächen kann in einem stark reglementierten Gesellschaftsbereich professionell und zielgerichtet (im Idealfall ergebnisoffen) diskutiert werden. Der Appell an eine konstruktive und optimistische Diskussionskultur zur Problemlösung gilt dabei allen Beteiligten.

In den Bereichen der kommunalen, kirchlichen und privaten Bewirtschaftung von Spontanvegetation sind die Akteure deutlich vielgestaltiger in politischer, wirtschaftlicher und fachlicher Kompetenz und Zielsetzung. Das macht eine offene Diskussion spannender, aber sie muss genauso ernsthaft geführt werden wie im Bereich der Landwirtschaft. So gibt es wahrscheinlich nur extrem wenige Pflanzen, bei der aus guten Gründen die Schadschwelle als Null gesetzt werden sollte, wie bei der giftigen Kornrade, deren schwere Vergiftungen von Mensch und Tier erst nach systematischer jahrhundertelanger Ausrottung verhindert werden konnten. Die Pflanze war im Jahr 2003 Pflanze des Jahres und wird auch in sogar Bioqualität im Internet verkauft.  Solche Pflanzen auch im Rahmen des Guerillagardenings in Städten wieder anzusiedeln und dabei das Gefühl zu haben, für eine aussterbende Pflanze etwas Gutes zu tun, wird aus guten Gründen von einigen Akteuren scharf kritisiert. Ist die Pflanze einmal wieder empfehlungsgemäß in den „Vorortgärten, Bauerngärten (!) und den sonnigen Blühstreifen“ der Dörfer verbreitet, ist auch der Weg aufs Feld nicht mehr weit. Da helfen auch Hinweise auf den Packungen wenig, dass sich die Pflanze gerne durch Selbstaussaat vermehrt, alle Pflanzenteile giftig sind und man sie nicht in der Nähe von Kuh- und Pferdewiesen anpflanzen solle. Wer an solchen Stellen das Gefühle hat, dass hier grob missverstandener Artenschutz zur Ökosystemsabotage mit massiven Folgen für die Nahrung von Mensch und Tier werden könnte, hat gute Argumente im Hintergrund. Aber genau in solchen Bereichen zeigt sich, wie wichtig es ist, ein breites und besseres Verständnis für das Gesamtökosystem, in dem wir leben, zu bekommen. Dann gibt es auch entspanntere Diskussionen über Ökologie insgesamt und die Frage, bis wann man Pflanzen, die zu Unkraut werden könnten, tolerieren sollte und wo die gesellschaftlich akzeptierten Schadschwellen liegen.
Auch in vielen technischen Bereichen ist die Situation noch relativ einfach. Gleiskörper müssen so weit von Spontanvegetation freigehalten werden, dass die Bausubstanz und die Betriebssicherheit nicht leidet und keine hohen Kosten durch häufige Reparaturen entstehen. Setzt man eine gewisse Zukunftsoffenheit der Entscheider voraus, kann auch in diesem und ähnlichen Bereichen mit steigendem Stand der Technik die Unkrautbekämpfung im Sinne der Gesamtbetrachtung aller Werte und Einflussfaktoren immer weiter verbessert und nebenwirkungsärmer gestaltet werden. Schon jetzt gehören Eisenbahnanlagen nicht nur bei wärmeliebenden Reptilien zu vielgefragten Großbiotopen in Deutschland. Verbesserung ist aber im Herbizidbereich noch dringend nötig. Die wenigen Akteure arbeiten hier auch dank gesellschaftlichem Druck an herbizidärmeren Lösungen. Komplexer wird die Diskussionslage aber in den städtischen Bereichen.  Hier haben viele Flächen eine Vielzahl von Funktionen und verschiedene Nutzergruppen haben ganz unterschiedliche Anforderungen.
  • Der Fußgänger möchte über Unkraut auf dem mit Kleinpflaster belegten Weg nicht stolpern. Das Straßenbauamt muss eine freie Sicht für Autofahrer gewährleisten.
  • Die Stadtreinigung muss die Kosten für die Flächenpflege geringhalten.
  • Der Anwohner möchte, dass es nett aussieht.
  • Die Stadtökologin möchte eine hohe Biodiversität und genug Futter für die Bienen und Vögel. Der Denkmalschützer möchte das Kleinpflaster wie vor 200 Jahren bewahren.
  • Die Vegetationspsychologin der polizeilichen Straftatenprävention möchte, dass das Gebiet nicht vernachlässig aussieht, weil sich sonst die Straftaten in dem Gebiet erhöhen.
Und jeder Bürger schließt sich im Zweifelsfall an mehr als eine der widerstreitenden Meinungen und Bewertungen an. Und diese Gemengelage der Interessen gibt es bei JEDER öffentlichen Fläche in der Stadt oder auf dem Dorf.  Und die objektiven Randbedingungen knapper Haushaltskassen (Unkraut weg oder neue Schultische) kommen oft noch hinzu. Die Interessen der professionell Beteiligten lassen sich, wenn auch mit erheblicher Arbeit, doch zumeist objektivieren und gegeneinander abwägen. Wenn jeder bereit ist, nicht nur seine persönlichen Vorstellungen („Unkraut überall ist hässlich“ vs. „ist doch schön, wenn es so verwildert aussieht“) als Grundlage für Entscheidungen zu nehmen, sondern objektivere Maßstäbe (Verkehrssicherungspflicht, Unterhaltskosten, Bauwerksschädigung, Regenwasserabfluss, Nistmöglichkeit, Nahrungsgrundlage etc.) anzulegen und diese klar zu formulieren, kann das schon fast die Lösung sein. Auf dieser Basis werden zur Zeit in immer mehr Städten Leitbilder für integrierte Managementpläne für die Spontanvegetation definiert.  Da wird dann nachvollziehbar klar, dass an mancher Stelle jeglicher spontaner Bewuchs in einer Fuge unerwünscht und damit Unkraut ist. An anderen Stellen wird Spontanvegetation erst ab 30 cm Höhe gemäß dem Pflegeplan zum Unkraut oder nur, wenn es sich zur Stolperfalle entwickelt. Da kann dann die kontextbezogene Unkrautdefinition schnell größen- und wuchsformabhängig werden – hat aber sicher nichts mit der Pflanzenart zu tun.. Schwieriger, aber auch extrem wichtig zu berücksichtigen sind die Faktoren und Wünsche, die nicht so einfach definierbar sind, weil viele Menschen mit ihren eigenen Wertvorstellungen, Ästhetik, Wünschen und Ängsten berücksichtig werden müssen.   Der Wunsch nach unkrautfreiem Pflaster war vor 60-30 Jahren vielleicht auch als Folge der Trümmerstädte gut nachvollziehbar, ist aber bei vielen Menschen wieder verschwunden. Viele Menschen finden grüne Fugen (solange man nicht stolpert) einfach schön und natürlich. Mancher findet jede Spontanvegetation schön, vielleicht auch einfach nur deshalb, weil er sie namentlich kennt und sich selbst mit dem Erkennungserfolg belohnt. Andere fühlen sich jedoch durch wild aussehende Spontanvegetation eher bedroht, weil sie das mit freilaufenden Hunden und Hundekot assoziieren und vielleicht sich vor dem Kotgeruch ekeln oder Angst vor Hunden haben. Wenn ein Gebiet vernachlässigt aussieht, weil die Spontanvegetation sich anscheinend unkontrolliert breitmacht, fühlen sich Anwohner auch in Ihrem Viertel von den Behörden vernachlässigt und gegebenenfalls auch von oft unbekannter Seite bedroht.
Die gleiche Wahrnehmung in umgekehrter Weise können aber auch Menschen haben, die sich von solchen scheinbar ordnungsfreien Räumen angezogen fühlen, dort ihren Hund koten lassen (gehört ja keinem, sonst wäre es gepflegt) oder diese Menschen zu einer Steigerung von Kriminalität im Stadtteil beitragen (broken-window Konzept). Da kann dann manches Kraut zu Unkraut werden, weil es allgemein symbolisch ausgelegt wird. In all diesen Fällen ist es extrem wichtig, dass die Verantwortlichen für den Umgang mit der Spontanvegetation (Grünflächenamt, Bürgermeister, Ratsvertreter) den Bürgern im Dialog erklären, warum sie bestimmte Flächen genau so behandeln und nicht anders. Wissen und Verstehen kann vielfach Angst verhindern und längerfristig auch tiefsitzende Einstellungen verändern. Wer die häufig begangenen Flächen mit umweltfreundlicher Unkrautvernichtungstechnik angemessen freihält und Wiesen im Randbereich mäht und daneben Abschnitte oder sogar den Großteil der Fläche mit klarer Abgrenzung stehen lässt, zeigt, dass es ABSICHT ist und keine Vernachlässigung. Schon das kann helfen Akzeptanz zu stiften.
Alle Teile der Gesellschaft müssen sich über ihr sachliches, emotionales und funktionales Verhältnis zur Vegetation klarwerden. Maissteppen ohne Spontanvegetation und ohne Blühstreifen werden dann genauso unerwünscht werden wie Städte ohne grüne Fugen und Blühwiesen. Bei der Abwägung der Bewirtschaftung öffentlicher Flächen ist aber gerade im Siedlungsbereich noch viel zu tun. Es ist kaum verständlich, Bauern Unkrautbekämpfung als solche vorzuwerfen (die ja mit den Pflanzen Geld verdienen), während Gemeinden noch biologisch scheintote Kurzrasenflächen unterhalten und nette gefüllte Blühpflanzen ohne Nektar in teure Wechselbepflanzungen setzen, die keinem Insekt mehr helfen als die Papierblumen der Karnevalswagen.
Zur Ökologie gehört dabei auch immer die soziale Komponente und ein realitätsbezogenes Verständnis der Wahrnehmung Vegetation. Kein Mensch möchte vernachlässigt und alleingelassen werden, kann aber die gleiche Einsamkeit zur Entspannung gut finden, wenn er weiß, dass es Absicht ist. Die Absichten bei der umweltfreundlichen und kosteneffizienten Stadtgestaltung für Kultur- und Spontanvegetation müssen wie oben angedeutet politisch offengelegt und in einem fortlaufenden öffentlichen Gespräch zwischen Bürgern, Fachleuten, Politik, Verwaltung und ausführenden Gewerken dargelegt werden. Anders geht das in einer Demokratie zum Glück nicht, in der jeder auch einzeln oder im Organisationsrahmen zur Entscheidungsfindung und Willensbildung beitragen kann. Einsame, gegebenenfalls auch radikal anmutende Entscheidungen oder Ansprüche, egal in welche Richtung, werden den Widerstand von allen anderen Interessengruppen eher erhöhen, als Wege für die Zukunft zu öffnen.
FAZIT: Es gibt Kulturpflanzungen und Spontanvegetation. Jede Pflanze wächst, aus der Perspektive des Menschen, in einem räumlichen und sozioökologischen Kontext und wird erst dann zum Unkraut, wenn sie die Funktionalität auf der Basis eines angemessen breiten gesellschaftlichen Kontexts stört. Ansonsten ist es eben eine Pflanze, deren Vorzüge und Beteiligung am Gesamtökosystem wir nur mehr oder minder gut verstanden haben. Das ist aber auch nicht immer nötig, wenn wir uns einfach daran erfreuen können, wie sie wächst, blüht und Tieren als Nahrung dient.  Wir sollten sie deshalb, wenn irgend möglich, weiterwachsen lassen. Wenn es zu realbegründbaren Konflikten kommt, müssen diese im Rahmen einer offenen Güterabwägung gelöst werden. Wie wir Pflanzen benennen, ist letztlich egal, aber keine Pflanze ist einfach als solche vernichtenswertes Unkraut und darf dementsprechend behandelt werden. Wir machen Pflanzen aus vielen Gründen zu Unkraut, müssen aber noch gemeinsam viel besser lernen, die guten von den schlechten Gründen zu trennen.  Und wenn wir gute Gründe zu einer Bekämpfung oder Begrenzung gefunden haben, müssen im nächsten Schritt die jeweils angemessenen Methoden dafür identifiziert werden. Auch dort gibt es keine einfachen Antworten auf die vielgestaltigen Anforderungen in einer komplexen Umwelt.

Für mehr Infos: pr@zasso.de